Risikobewertung niederfrequenter elektromagnetischer Felder

4. Gefahr des Missbrauchs des SCENIHR-Meinungspapiers
Als wesentliche Zielgruppe des SCENIHR- Meinungspapiers dürften die Entscheidungsträger gelten, die den meisten Einfluss haben
- auf eine Beibehaltung bzw.  Änderung der geltenden Grenzwerte für elektromagnetische Felder oder
- auf verpflichtende Vorsorgemaßnahmen.
Das sind Politiker (bei Initiierung und Verabschiedung von Gesetzen) und Richter bei Klagen, die sich auf unzureichende Grenzwerte oder Vorsorgemaßnahmen beziehen.
 
Das SCENIHR- Meinungspapier liefert somit eine Referenz für entscheidende, potentiell folgenschwere gesundheitsrelevante Gesetze und Urteile. Denn die entscheidenden Instanzen pflegen sich auf Empfehlungen zu berufen, die erstellt werden von einer Expertengruppe, die von einer offiziellen Institution ausgewählt ist  
(siehe z.B. die Verweise vom Bundesverfassungsgericht auf die Empfehlungen der deutschen Strahlenschutzkommission).
Es ist nicht anzunehmen, dass die Entscheidungsträger das Fachwissen und vor allem die Zeit dazu haben, die 288 Seiten des SCENIHR-Meinungspapiers durchzusehen – bestenfalls nur die Zusammenfassungen bzw. Zitate davon.
Somit kommt nicht nur dem fachlichem Inhalt, sondern speziell den Formulierungen der zusammenfassenden Bewertungen eines solchen Meinungspapiers entscheidende Bedeutung zu.
 
Leicht missverständliche, irreführende Formulierungen führen ebenso zu Fehlentscheidungen wie direkte inhaltlich falsche Bewertungen.
 
Irreführend ist es, wenn bei der detaillierteren Diskussion einiger Mechanismen durchaus ein möglicher Effekt bejaht wird, in der pauschalen Zusammenfassung aber ein gegenteiliger Eindruck erweckt wird.
 
Irreführend ist es, wenn Argumente, die nur für Radiofrequenzen gelten, in der Zusammenfassung pauschal geltend gemacht werden, also auch für sehr niedrige Frequenzen (z.B. des Hochspannungsnetzes), wofür sie erklärtermaßen nicht gelten.
 
Falsche oder irreführende Aussagen des SCENIHR-Meinungspapiers sind nach unserem Kenntnisstand Aussagen wie
„an inability to identify biophysical interactions mechanisms“,
„no interaction mechanism is  known regarding potential non-thermal effects of weak fields“,
„no mechanism that operates at levels of exposure found in the everyday environment has been firmly identified“.
 
Darüber hinaus lässt die Art der von SCENIHR in Zusammenfassungen verwendeten Formulierungen bei Laien leicht den falschen Eindruck entstehen, dass nicht nur der Stand der Forschung zu Wirkungsmechanismen noch nicht abgeschlossen ist, sondern der wissenschaftliche Kenntnisstand keine Verknüpfungen mit möglichen Gesundheitsrisiken erlaubt. 
Zu Teilaspekten werden Magnetfeldeffekte als Verursacher (ohne nähere Belege) sogar als sehr unwahrscheinlich „in den meisten Systemen“ bezeichnet.
Mit solchen Fomulierungen besteht die Gefahr, dass die Entscheidungsträger, die letztlich Grenzwerte und Vorsorgemaßnahmen  bestimmen, nämlich Politiker und Richter, ein falsches Bild von der Risikolage bekommen.