Risikobewertung niederfrequenter elektromagnetischer Felder

Die Bedeutung epidemiologischer Studien:
      Generelle Bedeutung und die spezielle Haltung der SSK[1]
 
A)  Generelle Bedeutung
 
>>>  Die Epidemiologie (Fall-Kontroll-Studien) ist die wichtigste Quelle für Hinweise zu möglichen gesundheits-
           schädlichen Auswirkungen von elektromagnetischen Feldern.
>>>  Das gilt insbesondere, um die Notwendigkeit von Vorsorgemaßnahmen aufzuzeigen.
>>>  Mit statistischen Methoden erzielte Ergebnisse dienen in vielen anderen Anwendungsgebieten als Grundlage 
           für Entscheidungen, Regelungen und sonstige Maßnahmen.
>>>  Bei sehr komplexen Problemen (z.B. bei multikausalen Einflüssen in komplexen Vielkomponentensystemen)
           sind sie bei teilweiser Unkenntnis der zugrundeliegenden kausalen Zusammenhänge oft die beste 
           Informationsquelle.
 
Der Gegenstand epidemiologischer Studien ist laut Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi) die Untersuchung der Bedingungen von Gesundheit sowie von Ursachen, Auftreten, Verlauf und Folgen von Erkrankungen in menschlichen Populationen bzw. in definierten Bevölkerungsgruppen [DEGPI2008].
Im hier behandelten Anwendungsfall werden in epidemiologischen Studien die Häufigkeiten bestimmter Krankheiten nahe und weit entfernt von Hochspannungsleitungen ermittelt und verglichen.
Ergebnisse aus epidemiologien Studien beruhen auf statistischen Methoden und können somit keine Kausalität nachweisen.
Dennoch können statistischen Methoden dazu dienen, durch sukzessive Abklärung verschiedener möglicher Ursachen die Suche nach der tatsächlichen Ursache einzuengen bzw. den Einfluss zusätzlicher möglicher Einflussgrößen zu ermitteln.
Außerdem können sie durch Einbeziehung zusätzlicher kennzeichnender Parameter oder „Marker“ auf der Wirkungsebene Informationen zum Wirkungsmechanismus liefern. Das ist auch das erklärte Hauptziel der im letzten Jahrzehnt in ihrer Bedeutung stark angestiegenen Molekularen Krebsepidemiologie [Bof2007].
 
Generell werden statistische Methoden häufig in den Gebieten Biologie, Medizin, Meteorologie, Technik, Psychologie, Pädagogik, Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft und Soziologie angewendet [Bamb2009]. Der Grund dafür sind Unkenntnis zugrundeliegender kausaler Zusammenhänge oder aber – selbst bei teilweiser Kenntnis kausaler Zusammenhänge - multikausale Einflüsse in komplexen Vielkomponentensystemen.
Die mit statistischen Methoden erzielten Ergebnisse werden benutzt in all diesen Gebieten,  wo Entscheidungen oder Regelungen auch bei unvollständiger Kenntnis aller zugehöriger kausaler Zusammenhänge vorgenommen werden müssen.
 
B) Die heutige spezielle Haltung der SSK zu Ergebnissen epidemiologischer Studien
 
>>>  Die relativ geringe Gewichtung der Bedeutung von Ergebnissen epidemiologischer Studien durch die SSK
           steht im Gegensatz zu ihren früheren Aussagen und der Auffassung anderer offizieller Organisationen.
 
Heutzutage wird von der SSK die Bedeutung der Ergebnisse aus epidemiologischen Studien zu elektromagnetischen Feldern relativ  gering bewertet.Die SSK behandelt mit statistischen Methoden erzielte Ergebnisse nicht als wissen-schaftlichen Kenntnisstand, der ausreichendend ist als Grundlage für Entscheidungen z.B. über Vorsorgemaßnahmen
 
Damit steht sie im grundsätzlichen Gegensatz zur Vorgehensweise in den zahlreichen Gebieten (s.o.), wo Entscheidungen oder Regelungen auch bei unvollständiger Kenntnis aller zugehöriger kausaler Zusammenhänge vorgenommen werden müssen.
Sie steht auch im Gegensatz zu ihren früheren eindeutigen Aussagen:  Bei der Bewertung von Strahlenrisiken haben seit der Gründung der SSK haben über viele Jahre auf den Sitzungen der SSK  epidemiologische Studien eine zentrale Rolle gespielt [Riem2005].  Laut  Aussage der SSK von 1999 kann durch epidemiologische Studien allein die Kausalität zwar nicht bewiesen werden, diese seien aber dringend notwendig, um Aussagen über die Wirkungen verschiedener Gefahrstoffe auf die menschliche Gesundheit zu machen  [SSK1999]. Noch 2001 formulierte die SSK: „Für die Erfassung möglicher Risiken sind epidemiologische Studien von besonderer Bedeutung“ [SSK2001]. . 2011 formuliert die SSK nahezu entgegengesetzt: „..die überproportionale Gewichtung epidemiologischer Befunde wird von der SSK nicht unterstützt“ [SSK2011].
Die SSK steht damit im direkten Gegensatz zur IARC[2] [McLa2012] und zu mehreren anderen Organisationen und zu der Aussage der Generaldirektion „Gesundheit & Verbraucher“ der Europäischen Kommission [EU2011]:
„Die Epidemiologie (Fall-Kontroll-Studien) ist die wichtigste Quelle für Hinweise zu möglichen gesundheitsschädlichen Auswirkungen von elektromagnetischen Feldern“.
 
Das Bundesamt für Strahlenschutz bezeichnet epidemiologische Studien als wichtig, um die Notwendigkeit von Vorsorgemaßnahmen aufzuzeigen [BfS2008].
 
Zusätzlich zur Heruntergewichtung der Bedeutung epidemiologischer Studien wendet die SSK zur Risikobewertung zu der Gesamtbewertung der Beweislage eine methodische Vorgehensweise an [SSK2011], die zu einer unangemessenen Gewichtung anderer wissenschaftlicher Ansätze und damit zu einer zusätzlichen Herunter-gewichtung der Ergebnisse aus epidemiologischen Studien führt (siehe Abschnitt „Risikobewertung: Kritik“ ).
 
 

[1] SSK: Strahlenschutzkommission, ein Beratungsgremium der Bundesregierung
[2] IARC: International Agency for Research on Cancer (Institut der Weltgesundheitsorganisation)