Risikobewertung niederfrequenter elektromagnetischer Felder

12.10.15

2.  Mängel der Wirkungsmechanismen-Bewertung durch SCENIHR

Da in dem SCENIHR-Meinungspapier die Wirkungsmechanismus-Bewertung ausschlaggebende Bedeutung hat, konzentrieren wir uns in unserem Kommentar auf diese.

2.1  Bedeutung des Wirkungsmechanismus

SCENIHR sieht als Voraussetzung für Folgerungen auf Gesundheitsrisiken und damit für Vorsorgemaßnahmen den Nachweis eines Wirkungsmechanismus (d.h. zwangsläufig auf molekularbiologischer Basis) als erforderlich (s. S.63).  Unter Nachweis wird dabei von SCENIHR eine mehrfache experimentelle Bestätigung  von verschiedenen unabhängigen Laboratorien verstanden.

Die Forderung eines nachgewiesenen Wirkungsmechanismus als Voraussetzung für rechtzeitig wirksame Vorsorgemaßnahmen als unerlässliche Vorbedingung widerspricht der üblichen anerkannten wissenschaftlichen Vorgehensweise (Bradford-Hill-Kriterien: kein „ sine qua non“!).

Entsprechend der tatsächlichen Vorgabe der EU-Kommission für SCENIHR  (s.o.) beziehen wir uns auf Wirkungsmechanismen unter dem Aspekt, ob sie  die beobachteten biologischen Effekte erklären könnten,  auch wenn noch zusätzliche  experimentelle Ergebnisse erforderlich sind oder diese z.T. noch widersprüchlich sind oder erscheinen.

Abgesehen von dem obengenannten grundsätzlichen Mangel der nicht beantworteten eigentliche Frage sind zudem auch innerhalb der von SCENIHR gelieferten Information zu Wirkunngsmechanismen wesentliche inhaltliche Defizite anzumerken, die Gegenstand dieses Kapitels sind.

2.2  Bewertung beruht wesentlich auf älteren Publikationen bei einseitiger Auswahl

Das SCENIHR-Meinungspapier liefert im wesentlichen Bereich der Wirkungsmechanismusforschung keine aktuelle Bewertung.

Die Wirkungsmechanismus-Bewertung beruht wesentlich auf einen einzigen Übersichtsartikel: „ a careful review of potential mechanisms“ (S. 59). Dieser stammt von 2008 (!) (Sheppard et al.,  im Literaturverzeichnis nicht angeführt!), d.h. er  beruht auf Forschungsergebnissen von vor 2008. Dieser Übersichtsartikel bezieht sich seinerseits wesentlich auf Schlussfolgerungen aus einer Publikation von 2004 (Prohofsky), also auf Forschungsergebnisse von vor 2004.

Nur auf wenige neuere Publikationen zu Wirkungsmechanismen wird konkret eingegangen.

Anmerkung zur Auswahl der Referenzliteratur und der Bewerter:

Eine Bewertung kann nur so gut sein, wie es die Auswahl der Bewerter zulässt.  Wesentliche Kriterien sind wissenschaftliche Kompetenz und Ausgewogenheit beim verbleibenden subjektiven Bewertungsspielraum. Das zentrale Thema Wirkungsmechanismus spiegelt sich nicht in den durch die SCENIHR-Mitglieder vertretenen Fachgebieten wider. Einige wesentliche Fachgebiete sind unterrepräsentiert oder gar nicht vertreten (wie z.B. Spinchemie und Quantenbiologie). 

Ein wesentlicher Teil der Arbeit wurde an eine externe Agentur vergeben, über deren Fachleute und Kompetenzen keine Angaben vorliegen. Dieser Umstand bestärkt aber den Eindruck, den man häufig bei der Durchsicht des  SCENIHR-Meinungspapiers gewinnen kann, nämlich dass zwar viele Literaturzitate gesammelt werden, deren relative Wichtigkeit aber nicht erkannt wird.

A.R. Sheppard, der Hauptautor der Publikation von Sheppard (2008), deren Argumente den Hauptteil der Aussagen zum Thema Wirkungsmechanismen des SCENIHR-Meinungspapiers bringen, stammt von Asher Sheppard Consulting. Im Ackknowledement der Publikation steht: „ Based on workshops sponsored by the Mobile Manufacturers Forum (Brussels), Motorola (Plantation, FL), and the FGF (Frankfurt) with additional support from Motorola and Asher Sheppard Consulting.  (FGF ist die Forschungsgemeinschaft Funk, ein gemeinnütziger Verein. Sechs der acht Vortsandsmitglieder stammen aus der Mobilfunkindustrie.)

Bei der Publikation von E.W. Prohofsky (2004) wird genannt: Grant sponsor: Mobile Manufacturer’s Forum.

 

2.3  Wirkungsmechanismus-Bewertung fast ausschließlich nur für Radiofrequenzen

Fast die gesamte fachliche Diskussion betrifft nur Radiofrequenzen, also – mit wenigen Ausnahmen - nicht den niederfrequenten Bereich der Hochspannungslei-tungsfelder.

Falls bei Entscheidungsträgern wie Politikern oder Richtern der Eindruck entste-hen  sollte, dass mit dem SCENIHR- Meinungspapier auch zum Problembereich Hochspannungsleitungen ein aktuelles Referenzpapier geschaffen wurde, ist dieser Eindruck großenteils falsch.

 

2.4  Wirkungsmechanismus-Bewertung vorgegeben als „focus of this paper“ tatsächlich nur ein kleiner Bruchteil

Das  „ understanding of biophysical mechanisms that could explain observed biological effects and epidemiological associations“ sollte laut Anforderung der EU-Kommission ein Hauptpunkt des SCENIHR-Meinungspapiers sein („the focus of this paper“, S.20).     

Das dafür zuständig erscheinende  Kapitel 3.4 „Interaction mechanisms“ nimmt aber nur einen kleinen Bruchteil des ca. 230 Seiten umfassenden Textes ein.

Im Kapitel 3.4  des SCENIHR-Meinungspapier wird ausdrücklich erklärt (S.57), dass Wirkungsketten („Kette molekularer und biologischer Ereignisse“) von der Einwirkung des äußeren elektromagnetischen Feldes (EMF) bis hin zu Krankheiten nicht in diesem Kapitel  „(Wechsel-)Wirkungsmechanismen“ beschrieben werden,  sondern auf sie nur (z.T.) in den Abschnitten eingegangen wird, die sich mit experimentellen Arbeiten befassen.  

Damit wird im Kapitel „Wirkungsmechanismen“ nur ein Teilaspekt der verlangten  biophysikalischen Mechanismen behandelt, die beobachtete biologische Effekte und epidemiologische Assoziationen erklären könnten. Der Rest der Wirkungskette wird zerstreut, unsystematisch und bruchstückhaft in den verschiedenen Kapiteln mit experimentellen Ergebnissen behandelt.

Aber auch dann nimmt der gesamte Anteil, der sich mit der Wirkungskette befasst, nur einen kleinen Anteil des SCENIHR-Meinungspapiers ein.